Paul steht vor dem Pflegeheim und sieht das Fester, hinter dem seine Mutter im Bett liegt. „Unsere Mutter haben wir jetzt in ein Pflegeheim gebracht. Es ist uns nicht leicht gefallen. Was sollen wir machen? Ich weiß nicht, ob wir ihr gerecht geworden sind. Eigentlich plagt mich das schlechte Gewissen. Immerhin hat sie uns vier großgezogen und sich immer zurück genommen. Und jetzt schaffen wir es nicht, sie zu pflegen? Wie können wir ihr nur gerecht werden?“
Eine Mutter schreibt in ihr Tagebuch, nachdem die Kinder aus dem Haus sind: Die Kinder sind jetzt fort. Es ist plötzlich so ruhig hier im Haus. Mich plagt das schlechte Gewissen. Haben wir uns genügend Zeit genommen für sie? Oder haben wir vielleicht des Guten zu viel getan, ihnen alle Hindernisse aus dem Weg geräumt und damit ihre Entwicklung zur Selbständigkeit behindert? Wir waren so oft mit uns selbst beschäftigt. War ich meinen Kindern eine gute Mutter?
Das schlechte Gewissen plagt uns manchmal. Natürlich möchten wir uns und auch anderen gerecht werden. Aber es misslingt uns so oft. Es ist bitter, wenn wir trotz aller Bemühungen an unsere Grenzen kommen und feststellen müssen: Wir schaffen es nicht.
Oft sagen Menschen, dass sie im Rückblick auf ihr Leben feststellen müssen, manche gute Gelegenheit versäumt oder schwere Fehler gemacht zu haben. Rückwärts kann man aber im Leben nichts mehr in Ordnung bringen. Aber wie kann ich mich mit meinem Leben versöhnen, ohne über die Versäumnisse hinwegzusehen, wie kann ich Versöhnung finden? Es ist keine abstrakte Frage, die uns der Monatsspruch aus dem Buch Hiob für Oktober stellt: „Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?“ Gott kann es schaffen. Vor ihm dürfen wir sein, wie wir sind. Er sieht uns an voll Güte und Gnade. Ob das Paul und der Mutter mit ihrem Tagebuch hilft? Selbst-gerechten Menschen jedenfalls wird es egal sein, weil sie dieses Suchen und Fragen nicht kennen. Menschen jedoch, die darunter leiden, anderen Liebe, Zeit und Zuwendung schuldig geblieben zu sein, ist es vielleicht Trost und zugleich Ermutigung zu wissen, dass Gott versöhnlich auf uns und unser fragmentarisches Leben blickt. Ihnen ist es ein Trost, glauben zu dürfen, dass Gott unser Leben ins rechte Licht rückt, auch wenn wir keine großen Leuchten sind.
Ihr Pfarrer Jeremias Treu
Deutschsprachige
Evangelische
Gemeinde
Barcelona