Albert Schweitzer (* 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Oberelsass bei Colmar; † 4. September 1965 in Lambaréné, Gabun) war ein evangelischer Theologe, Organist, Philosoph und Arzt.

In seinen Jahren als Medizinstudent (1905 – 1912) reiste er durch seine Tätigkeit als Organist viel, u.a. auch nach Barcelona, wo er Bach im Orfeó Català spielte. Auch in unserer Gemeinde gab er zwei Konzerte.

 

Nachstehender Text ist ein Ausschnitt aus seiner Autobiografie „Aus meinem Leben“.

 

Luis Millet, den Dirigenten des Orfeó Català, gewann ich gleich bei der ersten Begegnung als hervorragenden Künstler und tiefen Menschen lieb. Durch ihn kam ich mit dem berühmten katalanischen Baumeister Gaudi zusammen. Dieser war damals nur noch mit der Arbeit an der eigenartigen Kirche der Sagrada Familie (Heilige Familie) beschäftigt, von der erst ein gewaltiges, von Türmen überragtes Portal fertiggestellt war. Den mittelalterlichen Baumeistern vergleichbar begann Gaudi dieses Werk mit dem Bewusstsein, dass es erst im Laufe von Generationen zu Ende geführt werden könne. Unvergesslich ist mir, wie er mich in der Bauhütte neben der Kirche, wie auch dem Geiste seines Landsmanns Raymundus Lullus redend, in seine mystische, allenthalben Symbole der göttlichen Dreieinigkeit aufzeigende Lehre von den in der geformten Linie waltenden Proportionen einführte. „Auf französisch, deutsch oder englisch lässt sich dies nicht ausdrücken“, sagte er. „Darum erkläre ich es dir auf katalanisch, und du wirst es begreifen, obwohl du die Sprache nicht verstehst.“

Als ich an der in Stein ausgehauenen „Flucht nach Ägypten“, am Eingang des fertiggestellten Portals, den unter seiner Last so müde dahinziehenden Esel bewunderte, sagte er mir: „Du verstehst etwas von Kunst, denn du hast eine Empfinden dafür, dass dieser Esel nicht erfunden ist. Keine der Gestalten, die du  hier in Stein  abgebildet  siehst, ist erdacht, sondern alle

 

stehen sie da, wie ich sie in Wirklichkeit erschaut habe. Joseph, Maria, das Jesuskind, die Priester  im Tempel: alle  habe ich  sie unter  Gestalten,

die mir begegneten, ausgesucht und nach Gipsformen, die ich von ihnen abnahm, in Stein ausgehauen. Mit dem Esel war es eine schwere Sache. Als bekannt wurde, dass ich nach einem Esel für die Flucht nach Ägypten ausschaute, führte man mir die schönsten Esel von Barcelona zu. Aber ich konnte sie nicht gebrauchen. Maria mit dem Jesuskinde ist nicht auf einem schönen und starken, sondern auf einem armen, alten, müden Esel gesessen, und zwar auf einem, der etwas Liebes im Gesicht hatte und verstand, um was es sich handelte. Diesen Esel suchte ich. Endlich fand ich ihn vor dem Wagen einer Frau, die mit Scheuersand handelte. Sein Kopf hing fast bis auf den Boden herunter. Mit großer Mühe überredete ich die Besitzerin, dass sie mit ihm zu mir kam. Als dann der Esel Segmente für Segment in Gips abgezogen wurde, weinte sie, weil sie meinte, dass er nicht mit dem Leben davonkäme. Das ist der Esel der Flucht nach Ägypten, der Eindruck auf dich gemacht hat, weil er nicht erfunden, sondern wirklich ist.“