GEISTLICHES WORT

Oktober - November 2019

Maria, die Frau auf dem Mond (Mondsichelmadonna)

 

Was hat Maria auf dem Mond verloren?

 

Wir wagen, von der kleinen, jungen Frau aus Nazaret ganz groß zu denken. Dabei heben wir sie nicht in unerreichbare Fernen. Maria, „umstrahlt von der Sonne, der Mond zu ihren Füßen“ (Offb 12,1), die Lichtgestalt auf der „Mondsichel“ – ein beliebtes Motiv in der Kunst. Der Mond als Fußstütze für sie, sei es der Mond pur oder der Mond mit einer Männermaske, sei es die Mondsichel von der teuflischen Schlange umwunden, die Maria mit ihrer Ferse zertritt und besiegt. Im ersten Blick ein befremdliches Triumphmotiv. Maria bleibt trotz dieses apokalyptischen Bildes die Magd von Nazaret, die besorgte Mutter von Kana, die schmerzhafte Mutter von Golgota und die große Vorbeterin zwischen den Aposteln im nachösterlichen Obergemach auf dem Zion. Ich möchte daran erinnern, dass die Kirche (und die Künstler) Maria in astronomische und gewaltige apokalyptische Zusammenhänge brachte: als Frau, deren Füße auf dem Podest der Mondsichel ruhen, angetan mit der Sonne, als strahlendes Zeichen am Himmel, mit einem Kranz von Sternen um ihr Haupt, als Meerstern.

 

Der Mond ist mit seinem nie blendenden Licht ein stiller Gefährte der Erde. Darum ist es kein Wunder, dass die Kirchenväter Maria mit dem Mond verglichen. Auch das Mittelalter preist die „Mondfrau“. Maria ist „leuchtender als der Mond durch das Licht der wahren Sonne“ (Caesarius von Heisterbach, gestorben 1240). Maria ist nicht die Frau im Mond, keine Mondgöttin wie Diana, Selene oder Frau Luna, sondern die Frau, die souverän auf der Mondsichel steht und unmerklich wie der „stille Begleiter“ am Himmel unsere Wege begleitet und ausleuchtet. Maria und der Mond; die Magd in himmlischen Sphären. Darauf muss man erst einmal kommen. Warum steht sie als Lichterscheinung auf dem Mond und nicht da, wo wir sie am nötigsten brauchen, auf der Erde? Diese kleine Frau! 

 

Bei Paulus finden wir sie nur namenlos im Nebensatz, auch Johannes nennt nicht einmal ihren Namen, bei Markus bleibt sie eine Fußnote. Nur im Evangelium des Matthäus und vor allem bei Lukas leuchtet sie stärker auf. Am Anfang und ein wenig irritiert von ihrem Sohn zu Beginn der Dienstreise und dann am Ende des irdischen Weges ihres Sohnes. Es gilt auch von Maria, was wir von Johannes dem Täufer sagen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ – wie der abnehmende Mond. 

 

Sie brachte Licht ins Dunkel, ließ das Licht der Welt dieses Licht der Welt erblicken. Maria bleibt sich treu. In Nazaret ist sie die Empfangene, als sie vom Engel die schwere Kunde entgegennimmt, sie ist schweren Herzens empfangsbereit für das Wunder der Menschwerdung Gottes. In Bethlehem bringt sie zur Nacht das Licht der Welt in unsere Welt, hinein in die Finsternis dieser Welt; unter dem Kreuz, wo sie Zeugin der Sonnenfinsternis wird, als ihr Sohn stirbt; im Ostergeheimnis, als ihr die Ostersonne aufgeht und einleuchtet; am Fest ihrer Himmelfahrt, als Christus ihr den Platz an der Sonne schenkt. Immer nur geschenkweise, durch Gnade, gerät sie – wie der Mond – in den Lichtkegel der Aufmerksamkeit. Der Auferweckte ist die „unbesiegte Sonne“. Nein, sie macht sich nicht wichtig, sie schiebt sich da nicht ungebührlich hinein, sie rückt sich nicht eigenmächtig ins rechte Licht. Maria, diese staubkornkleine Frau aus Nazaret, ist aber nun zugleich die, die mit der Sonne bekleidet ist, den Mond unter ihren Füßen (Offb 12,1). Daran knüpft das Bild von der „apokalyptischen Frau“ in der Johannesoffenbarung an. Nun wird sie hervorgehoben über das Irdische. In der orthodoxen Kirche wird sie angerufen als „unser Mond“, als „der Mond der Kirche“.

 

Maria ist die Frau, die von diesem fremden, heiligen Licht ihres Sohnes her lebt. Sie ist eine ausstrahlende, „attraktive“ Frau. Sie blieb als Mutter etwas „auf sicherer Distanz“ zu ihm, wie ja auch der Mond von der Sonne entfernt ist. Sie lebt nicht weltfern. Sie strahlt Gottes Glanz aus und zieht uns an. Schön, dass es solche Menschen gibt – voller Transparenz und Ausstrahlungskraft. Sie bietet Oberfläche, damit Sein Glanz sie trifft und sie „schön“ macht. Sie darf sich in Christus „sonnen“, ohne sich dabei zu verbrennen. Maria strahlt auch denen in der Nacht ihres Glaubens, denen Gott verdunkelt und verblasst ist; oder denen, denen Gott zu grell ist, zu heiß, zu blendend. Wer zu Maria kommt, sieht einen „Star“, der nicht aus sich leuchtet, sondern im Scheinwerferlicht Gottes steht.

 

Aber so wie der Mond mehrere Tage im Monat von der Bildfläche unserer Nächte verschwindet, so gibt es Lebensphasen, in denen auch Maria aus dem Blick gerät und beinahe „untergeht“. Die Sonne bleibt sich selber immer gleich, der Mond ändert seine Gestalt. Es gibt Zeiten und Orte im Evangelium, da ist von ihr nicht die Rede; oder Epochen der Kirchengeschichte, da war von ihr wenig die Rede, da geriet sie vielleicht ins Abseits, weil alles Bemühen sich darum drehte, den Sohn besser zu verstehen. Da leuchtete die Sonne Christi so stark im Herzen und Denken der Kirche, dass sie alles überstrahlte, diese Sonne, die unsere wahre Energiequelle ist, so fern und doch so nahe. Aber auch dann ist sie da. 

 

Maria kann damit leben, dass sie die Frau im Schatten, im Sonnenschatten ist. Der Mond verblasst zunehmend im künstlichen Licht angesichts der „Lichtverschmutzung“ in unseren Großstädten. Auch Maria verblasst in der Glaubenspraxis vieler Christen, doch begleitet sie verlässlich, lautlos unauffällig Christus und somit auch unsere Lebensbahn als eine Pilgerreise, sie ist der „Meerstern“ auf der Nachtfahrt unseres Lebens.

 

Mit dem Mond wird nicht nur Maria, sondern auch die Kirche – Sie und Ihr und ich – verglichen. Wir leben, weil ein anderer uns anstrahlt und uns Ansehen verleiht. Es ist ein fremdes Licht (Luther sagt: eine „fremde Gerechtigkeit“), die uns schön und ansehnlich macht. Ja, wir Christen sind wie das Weizenkorn der Sonne und dem Regen preisgegeben. Auch wir strahlen nur etwas aus, wenn wir Gott eine Oberfläche bieten und wenn wir ihm Gelegenheit bieten, in uns wie in einer Dauerbaustelle zu arbeiten. 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

mit der Leuchtkraft Marias grüße ich Sie ganz herzlich.  

 

 

Ihr Pfarrer Holger Lübs

 


Hier können Sie unseren Gemeindebrief als PDF-Datei herunterladen.

Download
Gemeindebrief Oktober - November 2019
Gemeindebrief-Oktober-November19.pdf
Adobe Acrobat Dokument 20.4 MB
Download
Gemeindebrief Juni - September 2019
190521 Gemeindebrief Mai - September19.p
Adobe Acrobat Dokument 21.6 MB