Geistliches Wort März - Mai

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es“ (Psalm 139,2)

 

Liebe Leser und Leserinnen,

lassen Sie sich mit hineinnehmen in Gedanken und Bilder zu diesem Psalmwort.

 

Ich sitze. Weil die Tür zur Kirche offenstand. Ich sitze auf einem Stuhl. Um mich stehen viele Stühle. Ich könnte sie zählen. Könnte mich auf jeden von ihnen setzen, ausharren und schweigen. Könnte die Säulen und die Pfeiler zählen oder die zerflossenen Kerzen. Paare, die hier nebeneinandersitzen, aber vielleicht zu Hause nicht mehr. 

 

Die Stühle haben helles Holz, eine rote Lehne oder ein grünes Sitzkissen. An einer Holzbank blättert Farbe ab. Dafür kann man auf ihr zu zweit sitzen. Einige Stühle ließen sich leicht reinigen. Einfach mit einem feuchten Tuch drüber und gut. Bei anderen ist man versucht zu sagen: Bitte nicht Platz nehmen, es könnte dem weißen Bezug schaden. Die Stühle stehen im Kirchenraum der Melanchthonkirche in Hannover. Nach einem Umbau hat man die Bänke durch Stühle ersetzt. Gemeindeglieder brachten Stühle von zu Hause mit. Vielleicht ist einer ein Lieblingsstuhl, vielleicht extra gekauft.

 

„Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es“, sagt Psalm 139,2. Das „Ich“ bekommt hier ein Gesicht. Jeder Stuhl ist besonders. Es scheinen sich keine zwei zu gleichen. Jeder Stuhl erzählt von einem Menschen. Die sind in der Kirche, wenn ihre früheren Besitzer gerade nicht da sind. Jedenfalls bekommt man dieses Gefühl. „Das ist jener von Elfriede. Der ergonomische von Hans. Er hat es doch mit dem Rücken. Die Bank stand in Müllers Schrebergarten. Aber diesen mussten sie aus Altersgründen jetzt aufgeben. Zumindest die Bank aber sollte bleiben“. So könnte es sein. Mir ist das alles sympathisch. Dazu kommt der praktische Nutzen. Schnell lässt sich der Kirchenraum umräumen, für einen Tanzkreis zum Beispiel ---

 

An Christus zu glauben führt mich in eine Gemeinschaft, ohne dass ich meine Individualität aufgeben muss. Davon erzählt dieses Bild. „Ich“ sitze, und Gott weiß es. Gott sei Dank, sagt der Psalmbeter nicht „man“ sitze. Zugleich wäre ich gerne mal Mäuschen. Kommt dieser Satz vor dem Gottesdienst auch mal vor: „Sie sitzen aber auf meinem Stuhl“? Stühle und Bänke, beide haben ihr Gutes. Auch Bänke. Ich mag an ihnen – etwa in einer alten Dorfkirche – dass sie von den Generationen erzählen, die hier saßen. Ich mag die Schnitzereien: „Paul, 1962“ auf der Rückwand. Vielleicht ein Konfirmand während einer dreißigminütigen Predigt. Wer kann ihm böse sein! Ich mag, dass hier alle gleich sind. Niemand sitzt höher, besser, bequemer.

 

 

In der Leipziger Gottschedstraße stehen seit dem Jahr 1994 140 bronzene Stühle. Sie werden von einer niedrigen Mauer eingerahmt. Die Mauer zeichnet den Grundriss der im September 1855 eingeweihten und im November 1938 zerstörten Synagoge Gottschedstraße, Ecke Zentralstraße nach. Bildlich gesehen stehen die leeren Stühle in der ehemaligen Synagoge. Auf einem Gedenkstein daneben aus den 60er-Jahren sind des Öfteren kleine Steinchen abgelegt, wie es jüdische Tradition ist. Auf die Frage, wie Besucher mit diesem Denkmal umgehen dürfen, antworten die Architekten: „Man darf sich nicht nur auf die Stühle einfach setzen. Es ist sogar gewollt, dass die Leute Platz nehmen.“ Ob ich in einer jüdischen Synagoge sitze, in einer christlichen Kirche oder auf dem Boden von Gottes Erde, es gilt wohl überall: Ich sitze oder stehe, ich lebe oder sterbe, so weißt du es.  

Ihr Pfarrer Holger Lübs

 


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Gemeindebrief März - Mai 2019
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