HERZLICH WILLKOMMEN!
DEUTSCHSPRACHIGE EVANGELISCHE GEMEINDE BARCELONA
JEDEN SONNTAG, UM 11 UHR
LADEN WIR HERZLICHST ZUM GOTTESDIENST IN UNSERE MARTIN LUTHER KIRCHE
EIN!
Wir sind eine lebendige und offene Gemeinde in Barcelona/Katalonien mit einer über hundertjährigen Geschichte. Der sonntägliche Gottesdienst bildet die Mitte unseres Gemeindelebens. Wir haben für viele Altersgruppen Angebote: Chor, Kinderkirche, Seniorenkaffee, Bastel- und Gymnastikgruppen. Unsere Veranstaltungen und Gruppen stehen allen offen, die Gemeinschaft suchen und mitmachen möchten.
Kommen Sie einfach mal vorbei.
Wir freuen uns über Ihren Besuch!
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PREDIGT
Für alle, die leider nicht zum Gottesdienst kommen konnten,
veröffentlichen wir an dieser Stelle einige der zuletzt gehaltenen Predigten.
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Exaudi 2026– Jeremia 31, 31-34
Ich lese jeden Morgen die Nachrichten. Meistens reicht schon das Fettgedruckte, um zu ahnen, wie die Weltlage heute wieder aussieht. Selten besser als gestern. In den Schlagzeilen wechseln zwar manchmal Namen und Orte, aber es wirkt, als stapelt sich eine Krise auf die andere. „Jetzt auch noch das oder dort!“, denke ich – und spüre Fluchtgedanken: Lieber nur den Sportteil lesen oder bei Insta ein paar fröhliche Filmchen anschauen. Aber ein Vogelstrauß möchte ich auch nicht sein. Auch als Christ will ich mich der Wirklichkeit stellen. Ich möchte die Welt nicht ausblenden und mich auf eine fromme Insel zurückziehen. Und so arbeite ich mich jeden Morgen an den Prognosen, Analysen und Kommentaren ab. Düster seien sie, wird mir gesagt, ja katastrophal. Es gehe bergab, manche sagen voll gegen die Wand. Der Anfang vom Ende. Natürlich haben sie auch recht: Wir leben – wieder, noch immer – in einer Welt, die alles andere ist als heile. Und so starte ich jeden Morgen mit einem Gefühl von Ratlosigkeit und Ohnmacht in meinen Tag.
Allerdings habe ich einen zeitungsfreien Morgen: den Sonntag. Statt Schlagzeilen lese ich dann in der Bibel – meist mit Euch hier im Gottesdienst. Oft klingen diese Worte fremd, sperrig, wie aus einer ganz anderen Welt. Aber genau das macht für mich ihren Reiz aus. Es sind eben nicht dieselben Texte, die ich täglich lese und bei denen ich schon vorher weiß, worauf sie hinauswollen. Sie folgen nicht der Logik der täglichen Nachrichten. Sie beschreiben das Leben und seine Erfahrungen auf ihre eigene Weise.
Und gerade diese Fremdheit hilft mir manchmal, die Gegenwart anders zu sehen. Es gibt viel zu entdecken, wenn man ein wenig Staub von den alten Buchstaben pustet und neugierig liest. So auch bei den Worten des Propheten Jeremia, die wir eben gehört haben.
Fremder und älter geht es kaum. Jeremia lebte ungefähr 600 Jahre vor Christus in Jerusalem. Ein Prophet, der sich selbst von Königen nicht den Mund verbieten ließ. Er wetterte gegen die Zustände seiner Zeit, weil er ahnte, wohin alles führen würde. Aber niemand hörte auf ihn.
Dann kam der Krieg. Die Babylonier zerstörten das Land, verschleppten Menschen, brannten Städte nieder – und schließlich lag auch Jerusalem in Trümmern. Sogar der Tempel war zerstört. Nicht irgendein Gebäude, sondern Israels ganzer Stolz, das Zeichen dafür: Gott ist mit uns. Die größtmögliche Katastrophe war eingetreten.
Ich könnte gut verstehen, wenn Jeremia jetzt zynisch geworden wäre. Wenn er gesagt hätte: „Ich habe es Euch doch gesagt. Selbst Schuld. Jetzt müsst Ihr eben die Konsequenzen tragen.“ So reden Menschen ja oft, wenn alles zusammenbricht.
Aber Jeremia schlägt einen anderen Ton an. Mitten in der Katastrophe verändert sich seine Sprache. Die alte Wut schweigt plötzlich. Stattdessen spricht er von Hoffnung. Er zitiert Gott selbst:
„Siehe, es kommt die Zeit, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben … und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“
Jeremia spürt offenbar die Angst und die Erschöpfung der Menschen. Und statt noch mehr Salz in die Wunden zu streuen, malt er ein anderes Bild. Nicht das Ende, sondern einen Anfang. Nicht den Abgrund, sondern eine Brücke. Nicht Abrechnung, sondern Nähe. Nicht: „Ihr habt versagt.“ Sondern: „Ich bleibe trotzdem bei Euch – obwohl ich Eure Fehler kenne.“
Kein Wunder, dass diese Worte viele Menschen berührt haben. Da ist einer, der mitten im Zusammenbruch nicht nur Untergang sieht. Einer, der nicht dauernd auf Schuld zeigt, sondern auf Zukunft. Einer, der Gott noch immer an der Seite seines Volkes sieht, obwohl der Tempel in Schutt und Asche liegt.
Ich kann gut verstehen, warum solche Worte wichtig werden. Gerade in Niederlagen. Gerade dann, wenn Menschen nur noch das sehen, was zerbrochen ist. Hoffnung öffnet den Blick über den Tellerrand der Gegenwart hinaus. Sie widerspricht der Behauptung, alles sei schon entschieden.
Jeremia erhebt Einspruch gegen die bedrückende Wirklichkeit: Es gibt mehr als das, was gerade sichtbar ist.
Doch vielen war das nicht genug. Sie wollten wissen: Wann kommt sie denn endlich, diese neue Zeit? Wann spricht Gott wirklich aus unseren Herzen? Wann wird sichtbar, dass wir Töchter und Söhne Gottes sind? Fragen, die ich gut kenne. Weil die Resignation sie bis heute flüstert.
Als Christinnen und Christen glauben wir: Gott hat diesen neuen Bund längst begonnen. Wir schauen auf Jesus von Nazareth, der beim letzten Mahl sagte: „Dieser Kelch ist der neue Bund.“ Wir vertrauen darauf, dass Gott seine Freundschaft in unsere Herzen legt – in der Taufe, in seinem Wort, in Augenblicken gelebter Liebe.
Dort, wo Menschen einander lieben, einander aufrichten, einander nicht aufgeben, wird etwas von diesem Bund sichtbar. Nicht irgendwann fern am Ende der Zeit, sondern hier und jetzt.
Und zugleich dürfen wir eines nicht vergessen: Jeremias Worte gehören zuerst zum Volk Israel. Wir Christinnen und Christen teilen diese Verheißung mit Jüdinnen und Juden bis heute. Darum dürfen wir niemals so tun, als hätte Gott seine Freundschaft einem Volk genommen, um sie einem anderen zu geben. Der eine Bund löscht den anderen nicht aus. Gott bleibt seinem Volk treu. Vielleicht liegt gerade darin ein Teil dieser Hoffnung: dass Gottes Treue größer ist als unsere religiösen Grenzziehungen.
Und deshalb folgen die Worte der Bibel auch nicht der Logik unserer Welt. Nicht: „First me.“ Nicht: „Nur wir.“ Sondern: Gottes Herz ist größer.
Und so möchte ich diese alten Worte mit in die neue Woche nehmen. Besonders morgen früh, wenn ich wieder die Zeitung aufschlage. Ich möchte die Nachrichten dann manchmal mit der alten Brille des Jeremia lesen: im Niedergang noch einen Anfang suchen, in den Sorgen die Hoffnung, statt Zynismus die kleine Möglichkeit von Veränderung.
Ich will Realist sein. Aber ein hoffnungsvoller. Keiner, der die Welt schönredet oder verniedlicht. Aber auch keiner, der nur noch in den allgemeinen Abgesang und Untergangslieder einstimmt.
Natürlich darf ich seufzen. Aber in meinem Herzen ist mehr als nur ein Ach. Da ist auch ein Halleluja. Gott selbst hat es hineingelegt. Wir sollten es nicht übersehen und es wenigstens manchmal summen oder pfeifen. Oder es sogar manchmal wagen und gemeinsam anstimmen – wie an Ostern, erinnert Ihr Euch noch: Halleluja ansingen.
Amen.