Predigt vom Sonntag

 

3. Sonntag nach Trinitatis 2023 – Röm 1 – „Sehen“

 

Neulich spülte es auf mein Handy ein kleines Filmchen, wahrscheinlich ein Kunstprojekt. Folgende Szene: Ein Mann setzt sich gegenüber einer Frau und beide beginnen sich still anzuschauen. Aus dem eingeblendeten Text erfährt man: Die beiden waren mal ein Paar, das sich in diesem Moment zum ersten Mal nach 23 Jahren wiedersieht. Sie haben sich darauf eingelassen, sich bei dieser ersten Begegnung zunächst eine Minute lang in die Augen zu schauen. Zu anfangs vorsichtige Blicke, ein Abtasten, Wiedererkennen der vertrauten Züge in den altgewordenen Gesichtern. Sie blickt ihn mutiger an, er weicht ihr immer wieder aus. Tiefes Durchatmen, der Versuch eines verschämten Lächelns. Er reibt sich die Augen, sie schließt sie ein paar Sekunden. Dann verfangen sich plötzlich ihre Blicke, kein Taxieren mehr. Es ist als beginne ein stummes Gespräch: Du? Ja, ich! Ach, aber, doch, vielleicht, ich, Du, Ach… Die Augen füllen sich mit Tränen. Fließen sie wegen Schuld oder Vergebung? Nach einer gefühlten Ewigkeit beugt sie sich vor, streckt langsam ihre Hand aus. Seine Augen weiten sich. Eine Last scheint von ihm abzufallen, als er seine Hand in ihre geöffneten Hände legt. Applaus um sie herum, dann bricht das Filmchen ab, beginnt von vorne. Ich schaue es wieder und wieder, die kleine Szene zieht mich in den Bann. Vielleicht weil sie so ungeschminkt daherkommt, so ehrlich, so direkt, ohne Drehbuch und Regie. Es ist nicht absehbar, was passieren wird nach all den Jahren, nach allem, was auch immer vorgefallen ist. Die Szene, in der ja kaum etwas passiert, lässt in mir ein tiefes Gefühl anklingen, eine Sehnsucht, Hoffnung, Frage, die wir vermutlich viele kennen: Mit welchen Augen werde ich angesehen? Welcher Blick ruht auf mir?

 

Für mich gibt es drei Blickrichtung: Zunächst bin ich im Blick von anderen: Fremden, Freunden, Nachbarn, Kolleginnen, Mitschülern, Familie… Wir leben nicht als Einsiedler, wir werden ständig gesehen, gemustert: In Bruchteilen von Sekunden scannt uns unser Gegenüber und hat eine kleine Meinung von uns. „Wie siehst du denn aus!“ Das geschieht immer, meist aus den Augenwinkel: im Bus, im Café, auf Partys, jetzt oder vorhin in der Kirche. In den meisten Fällen ist uns das eher egal, in anderen aber ganz und gar nicht. Nicht nur bei der Liebe auf den ersten Blick, sondern in vielen Beziehungen ist uns wichtig, richtig gesehen zu werden: Wir wollen angesehene Menschen sein; keine, die übersehen werden. Sich richtig im Blick haben und fühlen, sagt etwas über die Tiefe unserer Beziehungen aus. Sich ungeschminkt, ungeschönt zeigen zu dürfen, ist das Glück der Liebe. Man darf sein die/der man ist – und mehr noch: In den Augen des anderen ist man meist noch viel schöner, als man selbst meint.

 

Denn, das ist die zweite Blickrichtung, der Blick auf sich selbst ist meist viel strenger. Beim Blick in den Spiegel laufen, so glaube ich, die wenigsten Menschen Gefahr, wie Narziss selbstverliebt im eigenen Spiegelbild abzusaufen. Im Gegenteil: Mit Argusaugen werden die eigenen Mängel und Unzulänglichkeiten betrachtet: Nicht nur Falten und Pickel, sondern auch Fehler und Versäumnisse. Nicht immer gelingt es, sich selbst morgens zuzulächeln, sondern wir denken: „Ach, Du schon wieder!“ Vielleicht kommt der strenge Blick auf sich selbst vielleicht auch daher, weil wir eine Ahnung haben, dass unser Außen und Innen voneinander abweichen. Wir sehen, wer wir sind, und zugleich, wer wir noch sein könnten, wollen, sind. In diesem Blick schwingen falsche Ansprüche und anerzogene Selbstbilder genauso mit wie die tiefe Sehnsucht, doch die/der zu sein, die/der man eigentlich ist, sein will, werden könnte.

 

Fremde Augen schauen uns an, der eigene Blick ruht auf uns. Als Christ gibt es für mich noch eine dritte, religiöse Blickrichtung: Gott sieht mich an. Die Jahreslosung, letzte Woche war von ihr schon die Rede, fasst es zusammen: „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Aber auch der Predigttext bringt diese Blickrichtung ins Spiel, zumindest auf den zweiten Blick. Es sind nur ein paar Verse aus dem Brief, den Paulus an die Römer schreibt. Gleich am Anfang stehen sie und sie fassen in gewisser Weise den ganzen Brief zusammen: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Hab 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«

 

Es sind sperrige Worte, aus denen später Martin Luther seine Lehre von der Rechtfertigung formt, die ebenfalls in unseren Ohren sperrig klingt. Bricht man sie aber auf ihren Kern hinunter, so versucht sie, zum Ausdruck zu bringen, mit welchen Augen Gott den Menschen anblickt. Und da machen Paulus wie Luther deutlich: mit gütigen, gnädigen, liebenden Augen. Das ist nicht so selbstverständlich wie es klingt: Gott galt ja auch als strafender Richter. Ein Gott, der alles sieht und weiß, wurde und wird immer wieder zum Erziehungsgehilfen von irgendeiner Moral gemacht. Aber um so einen Gott geht es nicht: Gott ist kein Gott, vor dem wir uns verstecken, verstellen, etwas darstellen, beweisen müssen. Vor Gottes Augen dürfen wir sein, wer und wie wir sind. Das ist die freudige Botschaft, das Evangelium. Wir sind und bleiben im Blick der Liebe! Kein flüchtiger Blick, kein schnelles Urteil. Und: Gott sieht nicht nur, was vor Augen ist, sondern sieht das Herz an. Außen und Innen dürfen wir zeigen, ungeschminkt, ungeschönt. Im Blick der Liebe sind wir Angesehene, unabhängig unserer Leistungen und Verdienste, Fehler und Versäumnisse – und dürfen beginnen, uns verändern, das Kleine wie das Große gestalten. Dieses Verändern beginnt vielleicht damit, dass wir nicht gleich machen und tun, sondern, dass wir uns genau umsehen, hinsehen, nicht meinen, beim ersten Blick schon alles erfasst zu haben. Auch in die dunklen Flecken unserer Sichtweisen gilt es zu sehen und auch dorthin, wovon wir immer schnell wegschauen, weil es uns Angst macht. Vielleicht ist Glaube eine Art Sehschule: Wir üben den Blick der Liebe. Eine Übung dabei kann sein, was das Paar, von dem ich am Anfang erzählt habe, gemacht hat: Sich wortlos einige Zeit in die Augen schauen. Eine Minute dem Blick nicht ausweichen – dem eigenen im Spiegelbild, dem Blick von Menschen, die mir wichtig sind oder waren, den Blicken dieser Welt, dem Blick des Himmels. Eine Minute in Blickkontakt bleiben und darauf vertrauen, dass Hände sich öffnen und berühren lassen. Gottes Hand und Gerechtigkeit sind ausgestreckt, seht Ihr es? Amen.

Download
Predigt vom 22. Januar 2023.pdf
Adobe Acrobat Dokument 230.5 KB
Download
Predigt vom 15.01. - Jahreslosung 2023.p
Adobe Acrobat Dokument 332.3 KB
Download
Predigt Altjahresabend 2022.pdf
Adobe Acrobat Dokument 227.8 KB