Predigt am Sonntag

Miserikordias Domini

 

Predigtgrundlage ist das Evangelium für diesen Sonntag: Johannes 10, 11 bis 16

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

in Norddeutschland, auch in den östlichen Landeskirchen heißt der Pfarrer nicht Pfarrer sondern Pastor. Das ist lateinisch und heißt Hirte.

Daraus folgt, dass es sich bei der Gemeinde dann um die Herde handelt, die der Pastor zu hüten hat.

 

An sich ein freundlich gemeintes Bild, viele Kirchenlieder singen ja auch ganz ungeniert von der Herde, selbst die Bibel bezeichnet hin und wieder die Gemeinschaft der Glaubenden so.

 

Andererseits ist es für immer mehr Menschen ein wenig attraktiver Gedanke, sich als Teil einer Herde ansprechen zu lassen. Zumal es sich beim Bild der Herde um eine Sorte Tiere handelt, mit denen sich nicht Jeder gern vergleichen lässt. Um Schafe nämlich.

 

Also: Sie, die Gemeinde eine Herde Schafe? Die vom Pastor behütet oder auch gehütet werden muss. Dem sie vielleicht auch blind vertraut und folgt, so wie einem Leithammel? Sie merken schon, wenn überhaupt, gehört dies Bild tatsächlich in die Vergangenheit. Jedenfalls in dieser Interpretation.

 

Andererseits hat das Bild aber auch etwas wunderschönes, bergendes, wärmendes an sich. Es führt mich und sicher auch einige unter Ihnen zurück in die Kindertage, wo wir noch in seliger Naivität so denken und reden konnten. Und beten und singen übrigens auch. Das Bild vom guten Hirten taucht da auf, in rührend kitschigen Farben auf Kärtchen für die Kindergottesdienstbesucher oder manchmal auf Konfirmationsurkunden an der Wand. Ein liebevoller Jesus mit langem Haar und Gewand trägt ein Lämmchen auf den Armen und bringt es sicher nach Haus. Wen hätte diese Bild nicht irgendwie angerührt, wer hätte sich nicht im Tiefsten Innern schon einmal gewünscht, genauso geherzt, geborgen, getragen zu sein?

 

Wen erinnert es nicht an solche Erfahrungen aus Kindertagen. Viel weniger Wohlstand und Luxus als heute gab es da aber für die meisten von uns doch den unermesslichen Reichtum, im Kreis einer Familie aufzuwachsen, viele Menschen um sich zu haben, auch Eltern, die noch Zeit für die Kinder hatten trotz aller Arbeit und manchmal auch der Not. Eben gerade so geborgen zu sein wie das Lämmchen auf dem Kitschbild.

 

Hier stimmt das Bild schon eher wieder, hier werden unsere Sehnsüchte angesprochen. Dieses Bild weckt viel weniger den Gedanken, dass ich selbst da als Schaf angesehen werde als vielmehr den Wunsch, bei einem solchen guten Hirten gut aufgehoben zu sein. Und angesichts unserer Erfahrungen mit so vielen anderen Hirten, die uns im Lauf des Lebens begegnen, die uns führen und lenken, von denen wir abhängig sind, verstärkt sich nur der Wunsch danach, daß da endlich einmal einer kommen möge, der wirklich gut ist und es wirklich gut meint. Mit uns und nicht mit sich.

 

Der Predigttext nimmt dieses Bild auf. Johannes berichtet davon, dass sich Jesus selbst als guten Hirten bezeichnet hat. Dass er dieser Hirte sei und wir ihm gegenüber tatsächlich in die Rolle der Herde, der abhängigen und schwachen Tiere geraten. Und getrost geraten können.

 

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe!

 

Der Mietknecht aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, der verlässt die Schafe und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht. Und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe.

 

Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall und auch die muss ich herführen und auch sie werden meine Stimme hören und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
(Johannes 10,11-16)

 

Liebe Schwestern und Brüder, hier stimmt das Bild. Warum? Zunächst deshalb, weil sich hier kein Mensch anmaßt, als guter Hirte aufzutreten. Besser: als der gute Hirte aufzutreten, dem allein wir uns bedenkenlos anvertrauen könnten. Das ist in der Tat immer dort vermessen, wo Menschen das von sich behaupten.

 

Gewiss sollen wir Menschen und können wir auch manchmal für andere in die Rolle eines solchen Hirten schlüpfen. Eltern für ihre Kinder zum Beispiel, Freunde füreinander, Nachbarinnen auch. Aber ob wir dann wirklich in der Rolle guter Hirten sind, das zeigt sich eben nicht an unserem Reden, sondern nur daran, dass wir so handeln. Dass wir gute Hirten werden. Nicht behaupten, es zu sein. Dass wir andere Menschen tatsächlich schützen, bergen, tragen. Sie aus dem Gestrüpp befreien, in dem sie sich gefangen haben, ihnen helfen, wieder zurückzufinden auf den eigenen Weg. So gesehen ist unser eigenes Hirte sein immer an unser Handeln gebunden, nicht an das Behaupten. Und so gesehen ist auch die Bezeichnung Pastor eigentlich Blödsinn, eigentlich anmaßend.

 

Mit Recht darf nämlich nur einer so bezeichnet werden, der, von dem unser Predigttext spricht nämlich, der sich als der gute Hirte schon gezeigt und bewiesen hat. Der sich so wohltuend abgesetzt hat von den vielen anderen in der Menschheitsgeschichte, die sich als vertrauenserweckende Hirten und Vorbilder, Lenker und Führer, als Leiter und für uns und unser Wohl Verantwortliche vorstellten und uns noch allesamt über den Tisch gezogen haben, wenn es um den eigenen Vorteil ging und die eigene Macht.

 

Mit Recht darf nur dieser Hirte so angeredet werden, alle anderen sind wie der Mietknecht, der im Ernstfall eben nicht bei der Herde bleibt, sondern verschwindet und die Menschen ihrem Schicksal überlässt. Auch Kirchenleute, um noch einmal zu den Pastoren zurückzukehren, haben sich in der Geschichte oft genug als solche Mietlinge herausgestellt...

 

Nun gibt es allerdings in unserer Zeit auch gegen das Bild vom guten Hirten Jesus Christus große Vorbehalte. Und dass wir Menschen wie Schafe von irgendetwas abhängig sein sollten, und wenn es selbst der lebendige Gott wäre, das ruft Widerspruch hervor.

 

Wir sind doch selbstständig, autonom, können in eigener Verantwortung leben und gestalten, wir haben doch mühsam genug alle Abhängigkeiten beseitigt und endlich gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen und zu gehen. Das ist es doch, was das Menschsein ausmacht, im Unterschied zur abhängigen Kreatur: dass wir frei sind und eben keine Schafe, die auf Gedeih und Verderb einem Hirten ausgeliefert wären. Selbst in Kirche und Theologie wird ja überall danach gefragt, ob der Mensch als Subjekt nur ja angemessen zur Sprache käme, ob von ihm und seinem eigenen Sein deutlich genug geredet würde und ob nur ja die alten Behauptungen von der Abhängigkeit des Menschen verstummten und stattdessen das Loblied auf die Freiheit des modernen Menschen gesungen würde.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

welch ein fürchterlicher Schwachsinn macht sich da Bahn! Fürchterlich, weil er leider nicht ohne schlimme Folgen bleibt, Folgen, die man tagtäglich am Verhalten der endlich befreiten Menschheit, der selbstbewussten und aufgeklärten Vernunftwesen ablesen kann. Folgen, die geeignet sind, über kurz oder lang, der Erde nun wirklich den Rest zu geben.

 

Damit wir uns recht verstehen: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Menschen uns tatsächlich von allen Abhängigkeiten befreien müssen, in denen wir verstrickt und gefangen sind. Ich glaube daran, dass wir vom Schöpfer als freie Wesen gedacht und gewollt waren und sind. Dass er nicht unsere Gefangenschaft will.

 

Aber wie will ich leben können, wenn ich mich von dem losmache, was mich leben lässt? Wie will ich mich wirklich verstehen können, wenn ich bei dem Sichtbaren stehen bleibe, an der Oberfläche herumlaboriere, nicht in die Tiefe gehe.

 

Es ist so ähnlich wie bei einem Baum, der, damit er nun endlich frei und beweglich würde, sich die Wurzel abtrennen lässt, die ihn trägt und nährt, die ihn wachsen ließ und ihm die Kraft verlieh, sich auch gegen Wind und Sturm zu behaupten. Diese Wurzel ist von oben nicht sichtbar. Wehe aber, sie wird nun wirklich abgetrennt...

 

So kommt mir das vor, wenn allzu überschwänglich von der Unabhängigkeit und der Freiheit gerade der Christenmenschen geredet wird. Das Neue Testament, auch das Bild vom guten Hirten zeigt uns doch vielmehr, dass wir nur in unserer völligen Abhängigkeit von diesem guten Hirten, von dem lebendigen Gott werden können, was wir werden sollen, auch stark und der Welt gegenüber wirklich frei sein können. Nur solange allerdings, wie wir unsere Wurzel, das was uns trägt und groß macht, eben nicht kappen. Sondern begreifen lernen, dass wir diesen Hirten nun wirklich brauchen, so wie der Baum die Wurzel.

 

Das könnte uns ein bisschen bescheidener machen und mutiger zugleich. Und ein bisschen vorsichtiger beim Geschwätz über den eigenverantwortlichen und unabhängigen Menschen. Und uns Gemeinden zudem noch ein bisschen freundlicher den anderen gegenüber. Denn auch das steht in unserem Text klar drin: Dass nicht wir entscheiden werden, wer dazugehört, wer es richtig macht, dass nicht unser Stallgeruch ausschlaggebend ist, nicht das, was die Pastoren oder andere selbsternannte Hirten behaupten.

 

Da sind auch noch andere Schafe, sagt Jesus. Und auch die werden seine Stimme hören. Und vielleicht sind es gerade die, die uns so fürchterlich unangenehm sind, die wir überhaupt nicht verstehen oder ganz grässlich finden. Darauf wird es dann allerdings nicht mehr ankommen.

 

Wir setzen die Maßstäbe nicht. Auch das werden wir begreifen und lernen müssen. Wir haben eigentlich genug damit zu tun, den Maßstäben zu entsprechen, die uns gesetzt sind!

 

Das Bild vom guten Hirten, liebe Brüder und Schwestern, mag uns gefallen oder mag uns irritieren. Es drückt die Wahrheit über unser Leben aus. Es beschreibt uns in unserer Abhängigkeit von diesem einen guten Hirten. Es zeigt uns auch, dass diese Abhängigkeit gerade nicht einengt und gefangen nimmt, sondern in grenzenlose Freiheit führt.

 

 

Sie erinnern sich, dass das Schäfchen nun wirklich alles ausprobieren konnte, dass ihm der Hirte bis in die letzte Wildnis und Verirrung nachgegangen ist, dass er es auch gefunden und letztlich gerettet hat. So gesehen, sind wir gerade als Herde dieses Hirten frei auch zu mancher Dummheit und manchem Fehler, frei, unendlich viel auszuprobieren und kennenzulernen. Da passt ja einer auf uns auf,- solange wir ihn lassen, solange wir ihm als dem guten Hirten vertrauen und uns selbst ihm anvertrauen, solange wir eben nicht die Wurzel kappen, die uns trägt und leben lässt.

 

Amen.