Predigt 2.n.Trinitatis Lk 14, 16ff

Ist hier noch frei? Ja klar, setz dich gern!

 

Diese Antwort hatte der Fragende schon lange nicht mehr gehört. Er ist nicht oft eingeladen. Meist wird er weggescheucht. Am Strand, wo er die Sonnenbrillen verkauft. Doch heute, hier, an diesem Abend ist es anders. Er darf sich setzen, so wie alle anderen.

 

Ist hier noch frei? Ja klar, setz dich gern!

 

Das Evangelium von heute, liebe Gemeinde, ist ein Gleichnis, eine Bildrede über die Welt, die Gott sich für seine Schöpfung wünscht. Diese Welt, so erzählt Jesus, gleicht einem Abendessen, zu dem alle geladen sind. Einem Abendessen, bei dem für jeden ein Platz bereitet ist – auch für die, die sonst übersehen werden, die aus dem Rahmen fallen, die im Schatten stehen und vergessen werden aus welchen Gründen auch immer.

 

Ist hier noch frei? Ja klar, setz dich gern!

 

Ein grenzenloser Tisch, ein vorbereiteter Platz für jeden, der kommt. Alle sind eingeladen an den Tisch der Welt, die Gott sich wünscht. Ich finde, das ist eine großartige, eine wunderschöne Vorstellung!

 

Doch es gibt ein Problem: Nicht alle wollen auch kommen. Die Reaktion auf die Einladung in diese Welt, an diesen Tisch, zu diesem Abendessen ist nicht bei allen Geladenen die erhoffte. Als der Knecht vor der Tür steht, um die Gäste zum Abendessen abzuholen, so wie es üblich war, kassiert er Ausreden und Absagen:

 

 

- Ich hab zu tun, das Geschäft, du verstehst? Bitte entschuldige mich!

 

- Und: Danke für die Einladung, grundsätzlich immer, aber ich werde hier noch gebraucht, ohne mich läuft nichts, man kennt das ja. Bitte entschuldige mich!

 

- Und schließlich: Ich muss absagen, meine Frau und ich haben andere Pläne.

 

Die Absagen machen den Gastgeber wütend. Er wird zornig, heißt es im Evangelium. Fast ein wenig übertrieben, könnte man meinen. Der Gastgeber könnte schließlich auch nur ein wenig verstimmt sein. Oder, wenn er es persönlich nähme, könnte er enttäuscht sein, oder beleidigt. Aber zornig? Warum? Warum ist Zorn seine Reaktion?

 

Zorn entsteht, sobald Ohnmacht ins Spiel kommt. Und diese empfindet der Gastgeber. Denn ihm ist es ernst. Ihm geht es um alles. Um das Eigentliche. Keine Nebensache. Er empfindet Ohnmacht, weil seine Einladung nicht als das verstanden wird, was sie sein will: Der Beginn des Friedens. Der Anfang vom Himmel auf Erden. Die Blumen auf der langen Tafel stammen aus dem Garten Eden und keiner will sie sehen?! Wie kann das sein?

 

Doch der Gastgeber lässt nicht locker und zäumt das Pferd von hinten auf. Er ändert die Strategie, um seinem Friedensmahl noch eine Chance zu geben:

 

Zweimal muss der Knecht losgehen und die an den Tisch holen, die sonst nicht geladen werden. Gründlichst zählt Jesus alle auf, die schließlich an der Festtafel Platz nehmen: Die Randständigen aus der Stadt - Arme, Verkrüppelte, Blinde, Lahme - und die Landstreicher und Aussätzigen von außerhalb der Stadt.

 

Nun kann keiner mehr missverstehen, wie weit die Einladung dieses Gastgebers reicht – und wie ernst sie gemeint ist.

 

Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen – so haben wir im Psalm heute gebetet und so weit reicht die Tafel von Gottes Abendessen. Die Gäste, die abgesagt haben, haben den Anspruch, die Bedeutung und Reichweite dieser Einladung übersehen. „Kommt, es ist schon alles bereit“ - die Friedensverheißung, die in diesen Worten liegt, sie haben sie nicht gehört...

 

Vielleicht geht es Ihnen, geht es euch ähnlich, liebe Gemeinde, mir hätte das auch passieren können. Ich erkenne mich in denen, die absagen durchaus wieder. Im Alltag gibt es so viele Dinge, die zu bedenken sind: Der Acker, die Ochsengespanne, die Familie – alles Verpflichtungen, Verantwortungen, die ich trage. Ich höre mich absagen, so wie sie: „Nein, ich kann nicht kommen, tut mir leid!“ An dieser Stelle trifft uns das Gleichnis heute, denke ich. Trifft uns der Zorn des Gastgebers. Er wird meist nur kurz erwähnt, dabei unterstreicht er doch den Anspruch der Einladung!

 

Denn tatsächlich ist es so, liebe Gemeinde, wenn ich mich nur an der friedlichen Schönheit der Vision einer langen Tafel erfreue, die endlich den Ausgegrenzten Platz gibt, dann bleibt sie nur ein Traum. Daher rührt die Wut des Gastgebers. Er will nicht nur träumen. Und Jesus, der davon erzählt, auch nicht. Andernfalls hätte er vor Karfreitag das Weite gesucht. Tut er nicht. Ihm ist es ernst. Keine Nebensache. Es geht um alles.

 

Ist hier noch frei? Ja klar, setz dich gern!

 

Der Gastgeber wird zornig, weil er findet, dass wir es sein sollten, die diese Worte sagen können sollten. Ich, du, Sie, ihr, wir bieten Platz an, weil wir mit am Tisch sitzen. Und wir sitzen dort, weil wir Gottes Einladung eben nicht ausgeschlagen, sondern verstanden haben: Die Einladung an diese Tafel ist das Wichtigste, was diese Welt braucht: Sie ist der Beginn des Friedens!

 

Und der beginnt nicht ohne uns, die wir nicht ausgegrenzt sind, sondern höchstens Ausreden oder zu volle Terminkalender haben.

 

„Sucht zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit, alles andere wird euch zufallen“, sagt Jesus – und meint uns.

 

Auf der Pfarrkonferenz der Auslandsgemeinden der EKD in Rom vor zwei Wochen ging es um die Rolle der evangelischen Kirche in einem nach rechts rückendem Europa. Was kann die Kirche tun? Haben wir uns gefragt und Vorträge dazu gehört.

 

„Bloß nicht zu politisch sein…“, hieß es manchmal, „das sollen die Politiker machen.“ „Nicht nur um die internen Probleme der Institution kreisen, das ermüdet“, wurde auch gesagt.

 

Und was tun wir dann, wenn heute bei der Europawahl so gewählt wird, dass morgen niemand mehr von einem Tisch weiß, der einen Platz für jeden bereithält? Was tun wir als Christen und Nachfolger von dem, der solche Gleichnisse erzählt hat?

 

Vielleicht, liebe Gemeinde, tun wir Folgendes: erinnern und erzählen. Erinnern, dass Gottes Reich kein Ort in weiter Ferne ist, sondern ein Zustand in unserer Welt, der jetzt beginnen kann. Und dann erzählen wir, dass wir eingeladen sind, an diesen Tisch des Friedens. Unseren Kindern und Enkeln, wenn sie fragen, wo wir sonntags waren. Unsern Nachbarn, beim Plausch auf der Plaza, wenn es um Gott und die Welt geht und jeder eine Meinung hat. Wir auch! Der Himmel auf Erden beginnt jetzt, mit uns. Vor meiner Haustür. An meinem Tisch. In meiner Gemeinde. Wenn ich plötzlich neben jemandem sitze, neben dem ich noch nie saß.

 

Ist hier noch frei? Ja klar, setz dich gern!

 

Vielleicht wissen Sie es gar nicht, liebe Gemeinde, im Nachbarstadtteil Gracia gibt es einen interreligiösen Tisch des Friedens, an dem auch wir als Gemeinde teilnehmen - Matthias Weinmann spricht katalanisch und vertritt uns dort.

 

Ein Tisch mit einem Platz für jeden ist kein ferner Traum, sondern ein Bild für Gottes Reich in dieser Welt.

 

Wenn wir gleich Abendmahl feiern, bilden wir dieses Bild im Kleinen ab. „Kommt, es ist alles bereit, so freundlich ist Gott!“ Wir sehen und schmecken.

 

In der Welt ist es schwerer. Es ist noch einiges dafür zu tun. Doch wir können anfangen, denn Gottes Beistand ist uns gewiss. Und gemeinsam können wir vieles schaffen, Schritt für Schritt. Und wenn einer nicht mehr kann, kann der andere. Und wenn eine verzagt ist, ist die andere mutig, und so können wir uns gegenseitig stützen auf dem Weg an die große Tafel mit dem Platz für jeden - glaubt ihr nicht auch? Amen.

 

Pfarrerin Antje Grambow

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