Andacht am Sonntag, den 25. Juli 2021

8. Sonntag nach Trinitatis

 

Liebe Gemeinde und liebe Freunde der Gemeinde!

 

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde;

Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;

Pflanzen hat seine Zeit, ausreissen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

Töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;

Abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;

Klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;

Herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

Suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;

Behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

Zerreissen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;

Schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

Lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;

Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.


Die schlichte Schönheit dieser Verse geht unter die Haut. Es sind eindringliche Worte von Zeit und Ewigkeit, die uns schon nach den ersten Sätzen still und nachdenklich werden lassen.

Wohl jede und jeder von Ihnen wird sich von dem einen oder anderen Vers besonders berührt fühlen.
 
Ich weiss nicht, ob Sie einen Lieblingstext oder einen Lieblingsspruch in der Bibel haben, an den sie sich erinnern, wenn Sie in Sorge oder Angst sind, oder auch glücklich und dankbar. Mich hat vor vielen Jahren gerade dieser Text aus dem Predigerbuch tief beeindruckt, und ich habe ihn oft gelesen und versucht, ihn auswendig zu lernen.
 
Dieses Gedicht über die Zeit ist der berühmteste Text aus dem Buch des Predigers Kohelet.  Das ganze Buch Kohelet gehört zu den ungewöhnlichsten Texten im Alten Testament. Es entstand etwa zwischen 250 und 200 vor Christus. Kohelet war ein Gelehrter, ein Weiser, ein Prediger.
 
Er hat das Leben genau beobachtet und hat es ganz realistisch mit all seinen Höhen und Tiefen geschildert. Er hat sich Gedanken gemacht über das, was er erlebt und gesehen hat und ist dabei ganz ehrlich gewesen. Er hat sich nichts vorgemacht. Darin besteht seine Weisheit.
 
Gute und schlimme, positive und negative stehen sich in seinem Gedicht einander gegenüber: Klagen und tanzen, schweigen und reden, suchen und verlieren, lieben und hassen. Kohelet wird gesehen haben, dass Liebe unerwartet in Hass umschlagen kann. Manchmal liegen zwei gegensätzliche Erfahrung auch ganz nah beieinander. Wir weinen und sind traurig und plötzlich geschieht etwas, das uns zum Lachen bringt. Die Wechselfälle in unserem Leben sieht Kohelet auch als Chance für unser Tun und Lassen und auch als Chance, unser Leben zu genießen.

 

Das Gedicht macht uns bewusst, dass unser Dasein alles andere als ein graues Einerlei ist, das so dahinplätschert. Leben ist ein Abenteuer, das wir bestehen, auf das wir in jedem Augenblick entsprechend reagieren müssen.
 
Die Ereignisse entziehen sich aber zum großen Teil unserem Einfluss. Auf das, was wir erleiden und erleben, können wir im Grunde nur reagieren. Wir können vieles in unserem Leben nicht  beeinflussen und nicht im Voraus planen. Wieviele unserer Pläne und Projekte sind allein mit der Coronapandemie den Bach hinunter gegangen?
 
Wir meinen, eigentlich hätten wir unser Leben in der Hand, hätten alles unter Kontrolle und seien gegen alle Risiken abgesichert. Vom Prediger Kohelet sollen wir lernen, dass es nicht so ist, dass wir nicht über unser Leben verfügen, dass wir von einem zum anderen Moment ohne alles dastehen können: Ohne Dach über dem Kopf, ohne Kleidung, ohne Möbel, Auto, Bücher, Fotoalben und den vielen Dingen, an denen unser Herz hing. Das wissen wir auch, aber diesen Gedanken verdrängen wir gern.
 
Kohelet legt das ganze Gewicht auf die Gegenwart. Das Gestern ist Vergangenheit, ist Geschichte, das Morgen kennen wir noch nicht. Es ist ein Geheimnis, aber das Heute – das Heute ist das Leben. Also: Carpe diem.
 
Unser Leben ist von Gott geschenkte Zeit mit unendlich vielen Möglichkeiten und Aufgaben. Kohelet ruft uns dazu auf, das Leben zu genießen. Wir sollen uns an Gottes Schöpfung freuen und die Herrlichkeiten und Wunder als Geschenk Gottes sehen. Das kommt in den Versen nach dem Gedicht über die Zeit zum Ausdruck. Da heißt es:
 
„Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei alle seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“
 
Ja, Kohelet ruft auf zu Freude am Leben, am Essen und Trinken, an den kleinen alltäglichen Freuden, und für ihn sind das alles Geschenke Gottes.
Gott sei Dank.

 Amen

 

Ihre Eva Janicke

 

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