Predigtgedanken zum 5. Sonntag nach Trinitatis, 

den 12. Juli 2020 von Christopher Kloß

      Gruß an die Deutschsprachige Evangelische Gemeinde in Barcelona

 

Aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es  (Epheser 2, 8)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

es gibt biblische Geschichten, die lernt man in der Kindheit kennen, die haben sich als Bild regelrecht in die Erinnerung eingebrannt. Eine dieser Geschichten soll uns heute morgen zum Nachdenken bringen. Es ist die Geschichte vom Fischzug des Petrus und von seiner Berufung durch Jesus.

 

Im Religionsunterricht meiner Kindheit lief das meistens nach dem gleichen Muster ab. Wir bekamen eine Geschichte erzählt, mussten sie dann möglichst genau nacherzählen (um zu zeigen, dass wir aufgepasst hatten) und durften dann am Schluß diese Geschichte als Bild malen.

 

An die riesigen rund und prall gefüllten Netze neben den kleinen Fischerbooten kann ich mich gut erinnern. Auch daran, dass Jesus vom Boot aus zu den Menschen am Ufer sprach. Worum es dabei tatsächlich ging, blieb mir verborgen.

 

Also lese ich gemeinsam mit Euch, mit Ihnen die uralte Erzählung noch einmal:

 

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.
(Lukas 5, 1-11)

 

Die Szene muss sich am frühen Morgen abgespielt haben, denn Fischer waren nachts auf dem See. Das bestätigt sich ja auch in den Worten Simons. Schon früh am Tag also hatte sich eine gewaltige Menge Menschen um Jesus versammelt, um zu hören, was er zu sagen hat.

 

Jesu Ruf war ihm auch hier, am See Genezareth vorausgeeilt, seine Predigt, seine Taten, sein Umgang mit den Menschen, die ihn um Hilfe baten,- all das hatte sich herumgesprochen. 

 

Auch die Tatsache, dass er keine Berührungsängste kannte, dass er ganz selbstverständlich mit den Armen zusammen saß, mit den Ausgestoßenen und Verachteten zusammen aß und trank. Gerade Lukas hat ein ganz besonderes Interesse an Jesu Umgang mit den Ärmsten und an seiner Zuwendung zu ihnen.

 

Und Fischer zur Zeit Jesu hatten es ähnlich schwer wie die Leute, die einst in dem Viertel unserer Stadt lebten, in dem dann die Zitadelle gebaut wurde. Ein Militäringenieur entwarf dann Barceloneta und die Familien wurden dorthin umgesiedelt. Noch heute kann man, sofern man wachen Auges durch die Gassen geht, erahnen, das Reichtum oder auch nur Wohlstand dort sicher nicht zuhause waren.

 

Im Gegenteil, das Leben war hart für die Fischer und Seeleute, hier am westlichen Mittelmeer und dort, am See Genezareth.

 

Dass Männer, die die ganze Nacht hart und mühsam gearbeitet hatten, nun so bereitwillig auf den umherwandernden Prediger hörten, seine Bitte befolgten und ihn im Boot ein Stück vom Ufer wegbrachten, damit er besser gehört werden konnte, ist eher verwunderlich. Es erklärt sich wirklich nur aus dem Ruf, den Jesus bereits mitbrachte, vielleicht auch aus der Neugier ihm und seiner Botschaft gegenüber. 

 

Simon, Jakobus und Johannes jedenfalls erfüllten nicht nur die Bitte Jesu, ihn vom Ufer wegzufahren, sie befolgten, wenn auch leise widersprechend, sogar seinen Rat, noch einmal einen Fischzug zu wagen.

 

Das allerdings muss man sich wirklich ebenso bildlich vorstellen wie die prallen Netze voller Fische: da empfiehlt ein ohnehin schon recht merkwürdiger Junge, der von Fisch und See und der Arbeit auf dem Wasser ganz gewiß keinen blassen Schimmer hat, den gestandenen Männern, doch ihre Fischerei ein wenig anders zu gestalten. Es wäre eigentlich logisch gewesen, sie hätten sich an die Stirn getippt und den Wanderprediger augenrollend wieder ans Ufer gebracht. „Erzähl du weiter deine Geschichten aber versuche nicht, uns zu erklären, wie man Fische fängt!“

 

Nein, das Gegenteil geschieht und den Rest der Geschichte kennen wir ja. Jesus hat einmal mehr die Vollmacht bewiesen, in der er handelt und lehrt. Und diese Vollmacht ist derart überzeugend, dass die drei Fischer ihren Fang, ihre Boote, ihre Familien, ihr ganzes bisheriges Leben einfach liegen lassen und dem Mann folgen, der sie darum gebeten hat, mitzukommen, um gemeinsam mit ihm Menschen zu retten, das wäre die bessere Übersetzung für den Begriff „Menschen fangen“.

 

In Lukas Geschichte vom Fischzug des Petrus begegnet uns Jesus in genau der Weise, die auch für seine Nachfolger Petrus, Jakobus und Johannes richtungsweisend ist. Und schließlich auch für uns, wenn wir es denn genauso ernst meinen wie die Fischer am See Genezareth.

 

 

Der erste Aspekt: Jesus geht zu den Menschen hin, geht auf sie zu. Er kennt keine Berührungsängste und er biedert sich nicht an. Er scheut sich vor keinem Milieu, vor keinem Urteil oder Vorurteil über andere sondern geht offen auf Menschen zu. Diese Offenheit, diese Nähe, diese Zuwendung sind überzeugend! Da redet keiner, den man in seiner Praxis, seinem Hörsaal oder seiner Kirche aufsuchen muss. Bei dem man Termine buchen und für den man sich vielleicht auch herausputzen sollte. Da redet keiner, der der eigenen alltäglichen Lebenswirklichkeit fremd und fern ist. Der, der hier redet, spricht in genau diese Lebenswirklichkeit hinein.

 

Und das ist schon der zweite Aspekt: er spricht deshalb nämlich so, dass er verstanden wird! Sein Wort ist konkret, ist praktisch, verlangt unmittelbar danach, umgesetzt, geprüft, erprobt zu werden: „…aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“

 

Wir hören so viele Worte, so viele Phrasen, so viel Überflüssiges, Nutzloses, Verlogenes und Verschwommenes. Simon Petrus hörte Worte, die ihn angesprochen und bewegt haben. Ganz direkt und ganz konkret. Die Wahrheit ist nämlich immer konkret und immer direkt. Das erkennt Simon dann auch und damit geschieht nun etwas mit ihm und mit seinen Kollegen.

 

Der, der ihn aufsuchte in seinem Lebensalltag, der ihn ansprach mit bewegenden, lebendigen Worten, der verändert nun auch Simons Sicht auf sich selbst und auf sein Leben. Und das ist der dritte Aspekt. Simon erschrickt in der Begegnung mit Jesus, auch weil er sich in ihr selbst begegnet.


Doch dieses Erschrecken ist nicht das Ende sondern ein Anfang. Simons Leben bekommt eine völlig neue Bedeutung, einen völlig neuen Sinn!

 

Warum ist diese Geschichte für uns von Bedeutung? Sie spüren es wahrscheinlich längst. Es geht in ihr nicht allein um Simon und die Söhne des Zebedäus sondern auch um uns und um unsere Gemeinde, unsere Kirche.

 

Über deren Entwicklung, zumindest in Deutschland ist wöchentlich Neues und wenig Ermutigendes zu hören und zu lesen. Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, ist in stürmischer See unterwegs. Die Kurse, die angelegt werden, führen nicht wirklich weiter. Ziele oder auch nur ein rettendes Ufer geraten in immer weitere Ferne. Vielleicht wäre es ja klug, nun als ersten Schritt genau das zu tun, was Petrus mit seinen Kollegen tat. Sie ließen Jesus in ihr Boot. Und hörten zu, wie er da saß und zur Menge sprach.

 

Die Lotsen, Kapitäne und Offiziere, die in den deutschen Kirchenschiffen die Kommandobrücken bevölkern, hören sich meistens lieber selbst reden. Dass dabei nach Jahrzehnten des Versuchs, einen „modernen“ Protestantismus zu schaffen (unter Rückgriff auf untaugliche Muster des 19. Jahrhunderts!) nichts Gutes herauskam, kann man zwar erleben, aber es wird nicht eingestanden.

 

Eine Gemeinde, eine Kirche, die in Jesu Nachfolge stehen will, muss als erstes auf ihn hören. Nicht auf Soziologen, Kirchenverwaltungen oder Fachgremien. Eine Gemeinde, eine Kirche, die Jesus nachfolgen möchte, muss ihn ins Boot lassen.

 

Und sie muss seinem Wort genauso vertrauen wie das Simon tat.

 

Der Rest ist dann weitgehend selbsterklärend. Denn in der Nachfolge Jesu wird dann, wie auch für Simon, Jakobus und Johannes so Vieles überflüssig und unwichtig.

 

Und ganz Anderes gewinnt an Bedeutung. Wir erinnern uns: Jesus hatte keine Berührungsängste. Er ging vorbehaltlos auf die Menschen zu, suchte sie dort auf, wo sie lebten und arbeiteten. Er lehrte sie, heilte und tröstete, er gab Hoffnung, er schenkte Liebe und er war nachsichtig. Er vergab.

 

 

Vielleicht lernen wir ja neu, dass genau darin unsere Berufung und unsere Aufgabe als Gemeinde Jesu liegt. Hier in Barcelona und auch in den deutschen Kirchen. Und, da bin ich sehr sicher, solange wir als Gemeinden Jesu Christi, unserer Aufgabe treu bleiben, solange werden wir als Gemeinden auch existieren. Anders sicher als heute aber vielleicht begeisterter und freier und mutiger.

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Auch heute wieder ein link zu dem Lied, das wir im Anschluss gemeinsam singen würden:
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen!

 

 https://www.youtube.com/watch?v=QnnfZUzJ-ls

 

Ich wünsche Euch und Ihnen einen wunderschönen Sonntag und eine gute neue Woche unter dem Segen und im Frieden unseres Gottes! Bleibt behütet!

Euer/Ihr Christopher Kloß

 

 Liebe Gemeindemitglieder und Freunde,

 

bitte vergessen Sie nicht, auch in den Ländern unserer Patenkinder (in Süd- und Mittelamerika sowie Asien) breitet sich das Virus aus. Wie in jedem Jahr müssen und wollen wir auch 2020 diesen Kindern eine Jahresspende von 4.092 € zukommen lassen. Daher bitten wir Sie herzlichst um eine Kollekte bzw. Spenden für unsere Patenkinder.

 

Unsere Kontoverbindung lautet:

 

Comunidad Evangélica de Habla Alemana Barcelona

 La Caixa: ES15 2100 3017 0122 0083 9936

Verwendungszweck: Patenkinder

 

Gott segne Gebende und Beschenkte!